Die Urlaubsmetamorphose…

Wie fang ich diesen Artikel nur an… Schwierig. Nun, vielleicht mit der Feststellung dass alle, die hier regelmäßig mitlesen wussten, dass ich mich auf ein Skippertraining gefreut habe. Das war im Detail hier nach zu lesen.

Aber manchmal kommen Dinge anders, als man sich das vorstellt. Gell?

Der Stern des Urlaubs

Schon eine Woche vor dem Training habe ich aktualisierte Informationen erhalten. Entgegen der im oben verlinkten Artikel erwähnten Informationen waren es neben dem Skipper und mir nicht ZWEI weitere Personen, sondern EINE. Und das war noch ein Bekannter des Skippers. Das klang für mich schon ein wenig windig und ich war mir nicht ganz sicher, unter welchem Stern der Urlaub eigentlich stehen würde. Aber hey, lassen wir es auf uns zukommen.

Am Tag der Anreise ging es gegen 9 Uhr nach Frankfurt und die Vorfreude war immer noch groß. Doch schon am Flughafen zeigten sich erste Vorboten von Rissen in den Kulissen…

Die wollen mich verarschen?

Wer mich ein bisschen kennt der weiß, dass ich in Frankfurt nach der Gepäckabgabe gerne noch ins Terminal 2 gehe und vom Foodcourt aufs Rollfeld schaue: Fernweh tanken 🙂 Fürs Protokoll, vom Foodcourt ist nur noch McDonaldds übrig. Schade.

Ca. eine Stunde vor Abflug habe ich mich auf den Weg zur Security gemacht, denn mittlerweile war klar: Der Flug ging von Gate A32, auch genannt „der Arsch der Welt“. Frankfurt ist einer der wenigen Flughäfen, an denen man quasi bis aufs Vorfeld laufen muss, so weit ist der Weg.

Von meinem Neuseeland Trip vor fast 8 Jahren habe ich mich erinnert, dass man mit dem Skytrain durch fahren kann bis zur Station A/Z, wo es eine kleine Sicherheitskontrolle gibt, die wenig frequentiert ist und schon auf halbem Weg zum Ende des A-Fingers liegt. Ja, manchmal habe ich meine lichten Momente. Doch kaum war ich aus der Bahn ausgestiegen und Richtung Treppe gelaufen, da erspähte ich ein Schild: Kontrolle dauerhaft geschlossen. Bitte zurück zu „B“ fahren und von dort nach A laufen.

Bis ich das gelesen und begriffen hatte plärrte hinter mir schon die Stimme vom Band: Bitte nicht mehr einsteigen. Türen zu, Bähnchen wieder weg. Na super! Ich frage mich: Hätten die nicht im Zug mal eine Ansage machen können? Oder die Leute beim Einsteigen informieren? Da gibt es einen schönen Film mit passendem Titel „(Der) Wixxer“…

Also hieß es auf den nächsten Zug warten, zurück fahren und dann zu Fuß zurück. So sportlich hatte ich mir das (auch zeitlich) nicht gedacht. Zum Glück war auch an der normalen Security nicht viel los, zumal sie jetzt im gesamten Sektor „A“ die neuen Scanner haben, wo alles in der Tasche bleiben kann. Das beschleunigt das Prozedere ungemein!

Erfahrene A-Gate Flieger wissen: Der Hike bis Gate A32 dauert nach dem Security-Check nochmal gute 15 bis 20 Minuten. Die muss man schon mal einplanen. Aber das hat auch einen Vorteil: Je weiter man nach hinten kommt, desto weniger ist los – und desto sauberer sind die Toiletten. Der Plan war: bei Gate 34 nochmal aufs Klo. Die Realität? Toilette bei A34 wegen Renovierung geschlossen, bitte nach A36 weiter gehen. A36 wegen Putzen geschlossen, bitte nach A38 weiter gehen. A38 wird renoviert und A 40 geputzt – Bitte nach A30 zurück gehen. Also zurück nach A30. Die wollen mich verschaukeln, oder?

Der Flieger ist gesattelt, es geht los!

Immerhin war der Flieger pünktlich und das Einsteigen ging soweit problemlos. Ich hatte nicht eingesehen, nochmal 45 Euro für einen anderen Platz zu zahlen und wusste schon, dass ich mit 32 C das ganze Flugzeug vor mir im Blick haben würde. Ich saß auf den sprichwörtlich „billigen Plätzen“ in der letzten Bank. Was mir nicht klar war: Die letzte Reihe hat scheinbar weniger Platz.

Das war eine Frechheit, ehrlich. Wenn ich weder Fuß noch Knie auf den Gang strecken konnte, z.B. weil das Wägelchen vorbei kam, um überteuertes Essen zu verkaufen, dann pressten meine Kniescheiben heftig an den Sitz vor mir. Ich bin mir sicher, die Dame vor mir hat jede noch so kleine Bewegung direkt in ihrer Rückenlehne gespürt. Naja, war ja nur für knapp 5 Stunden, dank Gegenwind… Ich bin mir GANZ sicher, dieser Platz verstieß gegen die Genfer Konvention. Sänkiu for flaing wis Discover Airlines!

Der erste Kontakt

Auf Lanzarote angekommen ging es am Flughafen glücklicherweise recht zügig und mit dem Taxi waren es nur gute 20 Minuten zur Marina. Die Landschaft war überraschend braun, ich dachte im Mai gäbe es noch ein bisschen mehr grün. Aber es sollte ja sowieso eher blau werden, draußen auf dem Wasser.

Eine kleine Ehrenrunde um den Hafen später stand ich vor dem Boot und traf Skipper und Mitsegler. „Mitsegler“ ist hier explizit „singular“, denn – wie ihr schon wisst – außer dem Skipper und mir war nur ein Kumpel vom Kumpel (ab jetzt genannt „Kumpel-Kumpel“) des Skippers auf den Törn gebucht.

Zunächst war mal „ankommen“ angesagt. Was Kaltes trinken, ein bisschen quatschen, und Einkaufsliste schreiben. Der Kumpel-Kumpel und ich sind weder Alkohol-trinker noch explizite Gourmets. So kam es zu erster Verwunderung, als wir weder Boef Stroganoff noch Gulasch auf die Karte schreiben wollten, sondern mit Hähnchen / Pute, Gemüse, Brot und Nutella zufrieden waren.

Aber am Ankunftstag wollten wir eh nicht mehr einkaufen gehen und so ging es gegen 19 Uhr in Richtung Hafenrestaurants mit dem Ziel eines gemütlichen Abendessens. Und das war nicht nur lecker sondern auch ausgesprochen nett. Zwischen persönlichen Themen ging es immer mal wieder um Nautisches und der Skipper hat uns ab und zu eine Frage gestellt um zu sehen, welche Vorkenntnisse wir so haben. Das hat sich zwar manchmal ein bisschen wie mündliches Abi angefühlt, war aber dennoch lustig und kurzweilig. Und ich habe gemerkt, was alles in den Gehirnwindungen versackt war und nun ausgegraben werden musste.

Die Besucher

Da der Skipper sein Haus ganz in der Nähe hat, sind Kumpel-Kumpel und ich alleine zurück aufs Boot und haben direkt bei Ankunft in der Küche festgestellt: Wir waren nicht alleine. Zahlreiche Kakerlaken sind über Herd, Arbeitsfläche und die Gläser in der Spüle gelaufen. Mich hat es fürchterlich geekelt und quasi sofort überall gekribbelt. Zum Glück hatte ich meine Tasche im Zimmer noch nicht geöffnet und auf den ersten Blick sah es nicht so aus, als seien sie schon in der Kabine unterwegs. Also bin ich mit Sack und Pack direkt wieder hoch an Deck und habe die Nacht dort auf der Sitzbank verbracht – in der Hoffnung, dass die Viecher unter Deck bleiben. Das war eine ziemlich unruhige, unbequeme und vor allem kalte Nacht.

Mich hat das aber derart erschreckt, dass ich mir direkt ein Zimmer im Hafen gebucht habe. Ich wollte auf gar keinen Fall eine Nacht an Bord verbringen. Da der Skipper mit uns am Sonntag, Montag und Dienstag sowieso in der Nähe bleiben und Abends wieder in diesen Hafen zurück kommen wollte, wäre die einzige Einschränkung meinerseits gewesen, auch am Mittwoch und Donnerstag nicht Strecke zu machen, sondern vor der Küste zu kreuzen.

Als ich diesen Wunsch am Sonntag Früh geäußert habe, hat der Skipper sich aber entschieden, sich persönlich angegriffen zu fühlen. Ich würde sein Boot „dreckig“ und „verseucht“ nennen (hab ich nicht), Kakerlaken wären hier vollkommen normal und ich soll nicht so übertreiben und (das Beste): Wenn sie dann doch im Keller unseres Reihenhauses ankämen, dann solle ich eben auch dort die chemische Keule rein halten und alles wäre gut. Das war ein für mich bisher noch unbekanntes Level an Ignoranz. Der absolute Höhepunkt war dann aber, als er sagte: „Das macht so keinen Sinn, dann brechen wir gleich ab“.

Zwischenzeitlich ist Kumpel-Kumpel mit der Neuigkeit heraus gerückt, dass er chronische Darmprobleme hat und regelmäßig mit Abführmitteln nachhelfen muss. Er spüre schon leichte Beschwerden vom Abendessen des Vortags und überlege, ob er nicht am Dienstag nach Hause fliegen wolle. Echt jetzt?

Und nun?

Das fühlte sich für mich ein bisschen an wie:

  • Wenn wir den Törn stornieren müssen wir alles zurück zahlen und streiten uns um die Flugkosten.
  • Komm doch ein paar Tage aufs Boot, dann fangen wir den Törn mit Minimalbesetzung an und wenn Du dann früher zurückfliegst dann können „wir“ ja nix dafür.

Nennt mich pessimistisch oder aber-gläubig, aber diese Konstellation hatte ein Geschmäckle. Das kannste Dir nicht ausdenken…

Nun ja, wir haben uns entschlossen, zunächst mal mittelfristig zu planen:

  • Bevorratung nur bis ca. Dienstag
  • Medikamente für Kumpel-Kumpel kaufen
  • Boot begasen um der Plage Herr zu werden.

Das hat alles ein bisschen gedauert und im Endergebnis ist am Sonntag eigentlich nix mehr seglerisches passiert. Es gab ein bisschen Frage&Antwort rund um das Thema Sicherheit und Bootscheck sowie ein Abendessen. Im Anschluss sind wir wieder getrennter Wege gegangen: Skipper heim zu seiner Frau, ich in mein Appartement und Kumpel-Kumpel aufs Boot.

Der Montag startete mit einer Ego-Shooter-mäßigen Begrüßung seitens Kumpel-Kumpel: Er hatte in der Nacht wieder ca. 15-20 Kills. Die Familien von Joey, Dee-Dee und Marky hausten also noch in irgendwelchen Ritzen… So wurde das Boot am zweiten Tag ein weiteres Mal begast und ich fragte mich so langsam, ob wir überhaupt irgendwann mal „in Bewegung“ kommen würden. Im Verlauf des Montag Vormittag fasste ich den Entschluss: Wenn es heute nicht mal ans Segeln geht, dann ziehe ich am Abend den Stecker und breche ab.

Zunächst stieg mein Unmut als wir bis ca. 12:30 Uhr lediglich über Banalitäten wie Anlegemanöver sprachen. Ja, mein letztes Hafenmanöver Training war schon eine Weile her und die Theorie ein wenig eingerostet, aber ich hatte mir dennoch gewünscht, dass wir allmählich mal ins „Tun“ kommen. Der Groll wuchs unaufhaltsam in mir.

Das Blatt wendet sich

Doch wie wir alle wissen: Es geschehen noch Weichen und Zunder. Und ebendies geschah um die Mittagszeit herum. Endlich hieß es: Boot vorbereiten und Leinen los. Zunächst einmal im Hafen rangieren, das Boot, seine Ausmaße und Lenkeigenschaften kennen lernen. Schön! Wir kamen der Sache langsam näher. Obwohl mich eine Sache immer noch ein wenig störte:

Ein Skipper Training soll in meiner Vorstellung nicht nur Theorie vermitteln, sondern entsprechende Abläufe in der Praxis einüben und festigen. Insbesondere durch das Vorleben und Einfordern des Skippers. Nichts von dem, was wir am Sonntag noch als Essentiell bei Bootsübernahme oder Sicherheitscheck besprochen haben, wurde hier gemacht. Kein Motor-Check, kein Wetterbericht einholen, kein Rettungswesten-Check, kein Ersatzskipper festgelegt, keine Notrollen definiert… Genaugenommen wusste ich nicht mal wo die EPIRP hängt oder wo die Seeventile sind.

Aber immerhin, am frühen Nachmittag sind wir endlich raus aufs Meer. Nach dem Setzen der Segel haben wir ein paar Mann-über-Bord-Manöver geübt, die in dieser Form selten in der SKS-Ausbildung geübt oder abgefragt werden: Münchner bzw. Hamburger Manöver und ein Ähnliches über eine Halse.

Den Rest der Zeit haben wir das schöne Wetter und den mäßigen Thermik-Wind genossen und immer mal wieder in paar Vorfahrtsfragen erörtert. Zum Ende hin durfte ich das Boot zur Bergung der Segel steuern. Ich war versöhnt. Der Wunsch, den Stecker zu ziehen hatte sich verzogen und ich habe mich sogar ein bisschen auf den Dienstag gefreut.

Zum Gruße die Tasche

Also ich also am Dienstag gegen halb neun am Steg ankam und mich gerade nach dem Kill-Death-Ratio der Nacht erkunden wollte da bemerkte ich auf dem Steg eine große Tasche.

Vorboten des Unheils…

Wie bereits am Sonntag vor-geunkt und von mir als echtem Zweckpessimisten fast schon erwartet: Kumpel-Kumpel stieg aus. Nicht nur aus dem Boot, sondern auch aus dem Training. Damit platzte auch die Weiterführung für die restliche Woche. Als wenn ich das nicht hätte kommen sehen…

Immerhin: Ich wollte das Thema schnell und reibungslos hinter mich bringen und habe mich mit dem Skipper auf eine wie ich denke für ihn gute Lösung geeinigt.

Metamorphose vollendet

Und damit war aus dem einwöchigen Skipper-Training ein Zweitage-Training geworden, das aus Kakerlakenjagt, Anfängertheorie und einem halben Tag Segeln bestand.

Aus meinem Aufenthalt hier in Lanzarote wird damit noch ein Kurzurlaub mit Sightseeing, bevor ich am Donnerstag verfrüht und auf eigene Kosten den Heimflug antrete. Aber davon schreibe ich euch im nächsten Artikel.

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