Mein Vater ist seit einiger Zeit sehr aktiv bei den Digitalbotschaftern in Rheinland Pfalz. Diese Organisation hilft älteren Menschen dabei, sich im digitalen Zeitalter zurecht zu finden. Ich finde das wirklich super, aber ich frotzle ihn auch oft:
Das digitale Zeitalter ist nach meiner Rechnung schon ca. 35 Jahre alt. Mindestens jedoch 30. Selbst das lausige iPhone wird schon bald 20 Jahre alt. Das bedeutet, dass alle, die jetzt zwischen 65 und 80 Jahren alt sind, mit ca. 45 aufgehört haben, zu lernen und sich ein halbes Leben nicht mit einer der Schlüsseltechnologien unseres Jahrhunderts beschäftigt haben. Selbst für den langsamsten Lerner der Welt sollten 30 Jahre zum Lernen ausreichen. Mein Mitleid hält sich in engen Grenzen.
Wer hat’s erfunden?
Zumal es gerade die Generation der Boomer ist, die genau diese Technologien erfunden und entwickelt hat. Die Computer, das Internet, Handies. Alles von Leuten erfunden, die heute schon in Rente sind oder gar nicht mehr unter uns weilen. Um so irritierender finde ich es, wenn die Generation-Z Vertreter uns belächeln in der Annahme, wir hätten von all dem keine Ahnung. Ich finde, dass es gerade die jungen Generationen sind, die dringend Hilfe benötigen…
Denn gerade die Jugendlichen und Kinder, die quasi mit dem Tag, an dem sie ihr erstes Smartphone oder Tablet bekommen, mit dem derzeitigen Endstand dieser 30-jährigen Entwicklung konfrontiert werden, sind häufig überfordert mit all der Komplexität, die für mich und meine Generation so schön langsam – manchmal viel zu langsam – gewachsen ist.
Ja, ich weiß, jetzt kommen mir wieder alle mit „digital Natives“. Aber was soll das eigentlich bedeuten? Schauen wir uns mal das Ergebnis der ICILS-Studie zum Thema Medienkompetenz unter Achtklässlern an.
Fazit: Nix außer Klicken und Wischen. Ernsthaft? Wie armselig ist das denn? Und natürlich ist mir klar, dass es eigentlich meine Generation ist, die diese Kompetenzen vermitteln müsste.
Ich hab da schon so eine Befürchtung, wie man das in Deutschland lösen will. Man wirft ein paar Millionen Euro Sonderbudget auf die Schulen und die Lehrer bringen uns wieder auf Spur, oder? Ich bin aber überzeugt, dass es mit „die Lehrer machen das schon“ nicht getan ist.
Was ist das eigentlich, digitale Kompetenz?
Da kannst Du 5 Leute fragen und bekommst ca. 10 verschiedene Antworten. Für manche ist es die Fähigkeit, Word und Powerpoint zu bedienen, andere verstehen darunter das Programmieren mit Java oder HTML (sic) und wieder andere finden es schon überragend, wenn man auf einem Tablet in einer PDF-Version des Schulbuchs die richtige Seite finden und lesen kann.
Ich glaube ja, es ist ein bisschen komplizierter. Aber als Ausgangsbasis würde ich mich schon freuen, wenn junge Erwachsene nicht mehr von Fragen wie diesen überfordert wären (und ich muss leider eingestehen, auch manche Vertreter der Generation X und der Boomer streichen schon hier die Segel):
- Was ist der Unterschied zwischen WLAN und Internet?
- Das Internet ist kaputt! Woran kann das liegen und was ist genau kaputt?
- Was ist die Cloud? WO ist die Cloud? Und wem gehört die Cloud?
- Ist die Cloud sicher? Und warum ist sie das nicht?
- Was wollen eigentlich alle mit meinen Daten und wer sitzt irgendwo im Keller und liest das alles?
- Wenn eine App kostenlos ist, wer bezahlt das dann?
- Wie sieht so ein Webserver aus und wie kommt eine Website auf meinen Rechner?
- Sind 4 GB viele Daten? Wieviel ist das eigentlich? Und wieso dauert der Download so lange?
- Warum brauche ich in einer Wohnung eigentlich noch Netzwerkdosen? Das geht doch alles über WLAN? Gerne gefolgt von: Mein WLAN ist instabil und langsam – und wir sind wieder bei Frage Eins: Was ist der Unterschied zwischen WLAN und Internet?
Fragen über Fragen und meiner Meinung nach braucht man ein fundamentales, konzeptionelles Verständnis viel dringender, als Kenntnisse in irgendeiner App, die nach drei Jahren schon von zwei Nachfolgern abgelöst wurde. Die Herausforderung ist in meinen Augen das Vermitteln der grundlegenden Zusammenhänge, die sich NICHT alle zwei Jahre ändern, sondern seit anbeginn der Digitalisierung Bestand haben.
Das Beste aktuelle Beispiel ist: Vor zwei Jahren war „Prompt Engineer“, also jemand der Anfragen an die KI formulieren konnte, der heiße Scheiß in der Informatik. Es wurden Gehälter bis 300.000 Dollar im Jahr bezahlt. HEUTE interessiert das keine Sau mehr, weil KI so benutzerfreundich geworden ist, dass jeder damit umgehen kann. Die Frage ist aber: WIE funktioniert KI? Was kann sie und was kann sie nicht? Und dieses grundlegende „was kann sie und was kann sie nicht“ hat sich auf konzeptioneller Ebene seit den frühen 90er Jahren nicht wirklich geändert. Genau genommen ja seit den 1960er Jahren. Richtig, so lange gibt es „KI“ und neuronale Netze schon.
Ich mag ja eigentlich keine Auto-Vergleiche, aber um hier mal einen zu bringen: Natürlich sind die (Verbrenner) Autos von heute nicht mehr mit denen von vor 50 Jahren vergleichbar. Aber wer damals einen Otto-Motor verstanden hat, der weiß auch heute noch, wie das funktioniert. Um solches Grundlagenverständnis geht es mir und das fehlt meiner Einschätzung nach gerade den „digital Natives“.
Haarscharf am Problem vorbei
Und wie lösen wir das jetzt? Mir scheint, dass die Bildungsministerien häufig am Problem vorbei wursteln. Da wird zum Beispiel:
- Elektronik (iPads…) ohne Sinn und Verstand ausgeteilt. Und dann? Dann lesen die Kinder die Schulbücher eben nicht „vom Papier“ sondern das PDF auf dem Bildschirm. Macht das irgendwas im Hinblick auf Medienkompetenz? Nö.
- gestritten, ob man jetzt Visual Basic, C++ oder Python unterrichten soll. Wieso? Ist es Aufgabe der Schule, fertige Programmierer auf den Arbeitsmarkt zu werfen? Sicher nicht. Die Grundlegenden Konzepte und Algorithmen kann man mit einer 20 Jahre alten Programmiersprache oder einen neuen lernen, oder – ganz im Ernst – sogar ganz ohne Programmiersprache. Oder mit so was simplem wie Scratch. Völlig wurscht. Hauptsache man vermittelt die Logik und das Abstraktionsvermögen.
- Auf Office (Word, Powerpoint…) bestanden. Echt jetzt? Sind das alles angehende Bürokaufleute? Vielleicht kann man ja noch einen 10-Finger-Kurs anbieten. Aber mal im Ernst: Aus dem Bereich fände ich es viel wichtiger, mal zu besprechen, wie eigentlich ein Dateisystem funktioniert, wie man seine Dateien organisiert und ablegt, wie man sie wieder FINDEN kann usw.
Ich denke: Warum lässt man die Schüler nicht mal ihr eigenes Netzwerk aufbauen? Wie können die Rechner miteinander kommunizieren? Oder warum klappt es nicht? Wie kann ich auf Dateien und Dienste eines anderen Rechners zugreifen? Wie kann man so einen Rechner hacken und Dinge lesen, die man nicht lesen können soll? Und wie kann ich meinen eigenen Rechner vor dem Zugriff Fremder schützen? Dann kommen sie nach dem Abitur wenigstens in ihrer Studentenbude mit der ersten eigenen Fritzbox klar.
In der Zeitschrift c’t erschien kürzlich eine Artikelserie zum Thema: Dateien und Dienste selbst hosten. Und eine Kernaussage war: Daten und Dienste selbst hosten ist Digitale Selbstversorgung. Wie schön diese Erkenntnis ist. Gepaart mit einem weiteren Satz: Es gibt keine „Cloud“! Das sind alles nur Rechner von fremden Leuten. Ich liebe es!
Was noch?
Jetzt habe ich ein bisschen auf den Schulen herum gehackt, wohl wissend dass es durchaus Lehrer/innen gibt, die in dem Bereich interessiert und kompetent sind und das sogar im Unterricht in ganz normalen Fächern einbauen, indem sie z.B. Erklärvideos einfordern, Green-Screen Filme oder Stop-Motion Videos. Aber es gibt ja noch viel mehr als Schule – und viel mehr als Rechner und Netzwerk.
Wie kann es denn sein, dass all die Eltern, die selbst mit der Thematik aufgewachsen sind, vom ersten C64 über PCs, Modem, Internet, Handy… so wenig Ahnung haben und den Kindern nichts mit auf den Weg geben? Und das meine ich gar nicht mal technisch:
- Spam-eMails und Phishing gibt es seit über 20 Jahren. Wie erkenne ich das? Wie prüfe ich den Absender?
- Was passiert mit Informationen und Bildern, die ich ins Netz stelle? Kann ich die löschen lassen?
- Kommuniziere ich da wirklich mit einem Menschen oder einem Bot? Und ist der Mensch, wer er vorgibt zu sein?
- Warum werden mir immer wieder ähnliche Themen / Videos vorgeschlagen? Was ist eine Filter-Blase?
- Wie erkenne ich Fake-News und falsche Suchergebnisse? Was ist so schlimm an „gesponserten“ Suchergebnissen?
Sollten wir unsere Kinder nicht zumindest mit den Grundlagen zum Handwerkszeug ins Leben gehen lassen, sich um ihre Daten bewusst und eigenverantwortlich kümmern zu können? Es muss ja nicht jeder gleich ein Rechenzentrum betreiben. Aber sie lassen sich damit wenigstens nicht mehr so einfach ein X für ein U vor machen. Und können vielleicht beim nächsten Schwein, das durchs Dorf getrieben wird, kritischer hinterfragen, was das eigentlich soll.
Ich gebe zu, mich treibt das Thema „Digitalbotschafter“ immer wieder mal um. Aber eher im Bezug auf Jugend und jüngere Erwachsene. Vielleicht nehme ich mir in einem der nächsten Urlaube mal die Zeit und fange an, Inhalte für Kurse zusammen zu tragen und aus zu arbeiten. Ich halte euch auf dem Laufenden, auch wenn das kein Reise-Thema ist 😉
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